So studiert man in Thailand

Unsere Kommilitonin Caro ist seit Ende August bis Dezember in Thailand im Auslandssemester. Dieses findet üblicherweise im 5. Semester des BWL/Tourismus Studiums der HWR Berlin statt. Folgendes hat sie für euch geschrieben:

Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Vielleicht liegt es daran, dass die Tage hier kürzer sind, als man es vom Berliner Sommer gewohnt ist. Oder an den herzlichen Thailänderinnen und Thailändern, von denen ich vor allem durch die Uni schon einige als Freunde gewinnen konnte und die mir meine neue Heimat aus ihrer Perspektive zeigen, sodass ich jeden Tag neues über das Leben hier, die Menschen und ihre Freuden und Sorgen lerne. Vielleicht auch daran, dass ich bis jetzt jedes Wochenende genutzt habe, nicht nur die unmittelbare Umgebung des Campus, sondern auch die der Insel zu erkunden: Koh Phi Phi (nette Insel, aber einmal reicht tatsächlich), der Khao Sok-Nationalpark (Wandern und übernachten mitten im Dschungel – das Beste was ich in Südostasien je erlebt habe!), Koh Yao Yai (auch im Dauerregen einen Besuch wert) und natürlich die Insel Phuket selbst mit ihren zahlreichen Stränden, Nachtmärkten und der beschaulichen Altstadt von Phuket Town zählen zu meinen ersten Ausflugszielen. Selbstverständlich auch die Partymeile von Patong mit ihren aneinander klebenden Nachtclubs und Bars sowie der Tatsache, dass man keine zwei Meter laufen kann, ohne dass einem eine Pingpong-Show aufgedrängt wird. Wirklich nicht meine Welt, aber wahrscheinlich muss man auch diesen Ort einmal gesehen haben – sonst ist man vermutlich nicht auf Phuket gewesen.

Tatsächlich gefällt es mir hier noch viel besser, als ich es mir zu Hause in Berlin ausgemalt hatte. Ich bin nun seit einem guten Monat hier und habe mich (mit Ausnahme vielleicht von meinem Magen, der meine Leidenschaft für sämtliche thailändische Kulinarik noch immer nicht so ganz teilen mag) wunderbar eingelebt. Ich habe ein kleines Apartment in fußläufiger Nähe zur Uni und einen Roller gemietet, ohne den man hier wirklich aufgeschmissen ist. Der Campus und mein Wohnort liegen zwar fernab jeglichen touristischen Geschehens, aber dass Phuket vom Tourismus lebt, ist auch hier im Hinterland zu spüren: Im Gegensatz zum Rest von Thailand zahlt man hier für eine 5-minütige Taxifahrt nicht einen, sondern zehn Euro. Zum Glück habe ich meine Angst vor dem Linksverkehr schnell in gesunden Respekt eingetauscht und genieße nun die gleiche Flexibilität wie die Inselbewohner. Mal eben schnell zum Obst- und Gemüsemarkt, zum Yoga-Kurs oder zum Museum-Besuch nach Phuket Town. Kein Problem! Dass man zu den zahlreichen Stränden mindestens 30 Minuten braucht, erleichtert die Trennung zwischen Unizeit und Wochenende/Freizeit. In meinen Augen perfekt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Austauschstudierenden (immerhin ca. 40) habe ich meinen Stundenplan so gebastelt, dass ich jeden Tag Unterricht habe. Das stört mich wenig, denn selbst der Unterricht gestaltet sich hier deutlich interessanter und vor allem in den meisten Fächern auch interaktiver, als ich es erwartet habe. In jedem Kurs gibt es ein Gruppenprojekt, welches zumeist das ganze Semester umfasst. Für intensiven Austausch zwischen den Austauschstudierenden und den Langzeitstudierenden ist also gesorgt. Die Projekte sind spannend und befassen sich mit aktuellen Herausforderungen der Tourismusbranche, insbesondere natürlich in Thailand. Dass Thailand aufgrund der starken Währung aktuell mit dem Ausbleiben von Touristen zu kämpfen hat, war mir beispielsweise bis zu meiner Ankunft gar nicht bewusst, schlägt sich aber auch in meiner alltäglichen Erfahrung nieder. Es ist viel teurer, als ich es von meinem letzten Aufenthalt hier vor knapp zwei Jahren in Erinnerung hatte, und soweit ich es mitbekommen habe, hat auch die Vermieterin meiner Wohnung Mühe, die vielen anderen Wohnungen in dem Gebäude an die Frau oder den Mann zu bringen. Hier wohnen zwar auch Thais, aber auch viele Ausländer und normalerweise sogar Touristen – die offensichtlich gerade Mangelware sind.

Die Englischkenntnisse der Thais sind sehr durchwachsen. Dies betrifft sowohl die Studierenden als auch die Lehrkräfte. Zum Glück habe ich nur einen Kurs, in dem ich wirklich kaum ein Wort von dem verstehe, was der Dozent sagt, und nochmal Glück ist, dass dieser sowieso nur von seinen Folien abliest. Ansonsten bin ich wirklich sehr zufrieden mit meinen Kursen und den DozentInnen. Ganz besonders gerne gehe ich auch zum Thai-Sprachkurs. Meine Dozentin ist die Herzlichkeit in Person und motiviert uns, nach dem Auslandssemester mehr zu können, als Pad Thai zu bestellen oder zu fragen, wo denn das Klo sei.

Der Campus ist wunderschön und lädt auch außerhalb der Kurszeiten zum Verweilen ein, zum Beispiel in der Lesehalle oder den zahlreichen Cafés und der „Mensa“. Diese ist nicht mehr als ein überdachter Platz mit Tischen und Bänken, an dessen einem Ende man sich zum Preis von 60 Cent bis 1,20 Euro sein Wunschgericht – bestehend aus Reis und unterschiedlichen mehr oder weniger scharfen Currys und anderen Köstlichkeiten – zusammenstellen kann. Dem Vorsatz, meinen Fleischkonsum nicht übermäßig gegenüber meinem Verhalten in Deutschland zu erhöhen, musste ich zwar schon nach wenigen Tagen entsagen. Aber ich denke, es ist noch immer deutlich weniger, als die meisten hier verzehren. Wahrlich eine Fleischnation!Was ich erwartet hatte, mich aber dennoch schockiert, sind die Unmengen an Plastikmüll, die hier anfallen. Ich schätze, dass der/die durchschnittliche Thai pro Tag locker einen kleinen Mülleimer füllt. Jedes noch so kleine Gericht wird in einem überdimensionalen Plastikbehälter verkauft. An jeder Ecke gibt es die beliebten Eiskaffees und Smoothies in großen Plastikbechern. Wenn ich im Seven Eleven eine Flasche Wasser kaufe, kommt diese ohne Nachfrage in eine Plastiktüte, und auch der Strohhalm darf natürlich nicht fehlen. Diese Abfallkultur ist in Europa Gott sei Dank bereits unvorstellbar – hier ist es jedoch noch ein weiter Weg bis dahin. Einer der Kurse, die ich besuche, nennt sich Sustainable Environmental Management for Hospitality and Tourism. Die Fragen der Thais in diesem Kurs bestätigen mir, dass umwelt- und ressourcenschonendes Bewusstsein noch lange nicht in die Köpfe der Menschen eingedrungen ist. Andererseits muss ich gestehen, dass es mir auch unangenehm ist, wenn der Dozent zum zehnten Mal ein deutsches Unternehmen als Vorzeigebeispiel für nachhaltiges Wirtschaften nennt … Aber gut. Ich versuche, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und nutze so gut es geht wiederbefüllbare Flaschen und Tupperdosen. Manchmal ernte ich dafür tatsächlich Extra-Lächeln und ein „Thanks for Saving the World.“ Naja …

Und dann der Regen. Vor ca. drei Wochen ging es los. Klar, ist ja schließlich Regenzeit, aber das kam dann doch etwas unerwartet von einer Sekunde auf die andere, während ich schutzlos auf dem Roller saß. Mittlerweile regnet es immer häufiger, und auch mal etwas länger am Stück, z. B. das ganze letzte Wochenende. Ich habe daraus gelernt und jetzt immer ein Regencape im Roller. Aber selbst im Regen ist Thailand ein wunderbares Erlebnis. Ich freue mich jeden Tag, dass ich hier sein darf.

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